Tagung 2026 in Soest: "Wohnraum entwickeln - Perspektiven und Lösungen für die Praxis"
Die 3. Jahrestagung des Netzwerk Stadtentwicklung NRW hat am 24./25. Juni 2026 im Kulturhaus Alter Schlachthof in Soest stattgefunden. Über 200 Teilnehmende befassten sich mit den vielfältigen Herausforderungen und passenden Lösungsansätzen zum Jahresthema "Wohnen unter dem Motto: "Wohnraum entwickeln - Perspektiven und Lösungen für die Praxis".
Tag 1 - Exkursionen, Keynote und Projektrunde
Exkursion 1: Flächenrevitalisierung und -neuentwicklung in Soest
Organisation: AG Baulandmanagement
Im Rahmen der Bus-Exkursion wurden verschiedene Stadtentwicklungsprojekte in Soest besucht.
Mit dem Erwerb durch die Stadt begann 2016 die Transformation des ehemaligen Areals der Adam-Kaserne zum modernen Belgischen Viertel. Nach dem Abriss alter Bausubstanz und dem Ausbau der Infrastruktur leben dort heute über 1.000 Menschen in Neu- und Altbauten. Mit Abschluss der Revitalisierung Ende 2024 bietet das voll integrierte Quartier durch neue Grünflächen und Plätze attraktiven Wohnraum für zahlreiche Familien.
Ein weiteres großes Konversionsprojekt stellt die Entwicklung der stark belasteten industriellen Strabag-Fläche zu einem modernen Wohnquartier für rund 600 Menschen dar. Nach einer notwendigen Bodensanierung entstehen in Bahnhofsnähe drei Quartiere mit Geschosswohnungen, Reihenhäusern und Grünflächen. Aktuell bereitet die Stadt die Sanierung, Erschließung und Vermarktung des zentrumsnahen Areals vor.
Weitere Stationen auf der Tour waren das neue Wohngebiet Rennekamp sowie das aktuell größte Wohnungsbauprojekt der Stadt, der Neue Soester Norden, sein.
Begleitet wurde die Exkursion von Dirk Franke, Arbeitsgruppenleiter Stadtentwicklung, Umwelt und Geo-Service der Stadt Soest.
Exkursion 2: Stadtspaziergang durch Soest – Projekte aus Stadtentwicklung und Denkmalpflege
Organisation: AG Historische Stadt- und Ortskerne
Der Stadtspaziergang führte die Teilnehmenden zu verschiedenen Stadtentwicklungsprojekten in der historischen Altstadt von Soest sowie angrenzende Bereiche. Oberthemen sind Freiraumgestaltung, Gestaltung von Straßen und Plätzen sowie Hochbauprojekte. Die Stationen waren:
Thema Freiraumgestaltung:
• Wallentwicklungskonzept (Historische Wallanlage, Stärkung
Radwegeverbindung)
• Theodor-Heuss-Park (Barrierefreiheit, Spielplatz, Wasser als Element)
Thema Straßen + Plätze:
• Umbau Marktplatz
• Neugestaltung Rathausstraße als Teil der Fußgängerzone
• Potsdamer Platz (Busverkehr in der hist. Altstadt)
• Steingraben mit Wiederverwertung von historischem Pflaster
Thema Hochbau:
• Sanierung Museum Wilhelm Morgner (60er-Jahre, Denkmalschutz,
Städtebauförderung, Kooperation mit privatem Sammler)
• Denkmalgerechte Büchereierweiterung (60er Jahre + Lesegarten als 3. Ort)
Begleitet wurde die Exkursion von Olaf Steinbicker, Abteilungsleiter
Stadtentwicklung und Bauordnung der Stadt Soest.
Exkursion 3: Wohnraumkonzepte für die Innenstadt
Organisation: AG Innenstadt
Welchen Stellenwert hat Wohnen in der Innenstadt? Und wie können die besonderen räumlichen Voraussetzungen von Innenstädten für unterschiedliche Zielgruppen genutzt und neue Wohnkonzepte in eine multifunktionale Innenstadtentwicklung integriert werden? Diesen Fragen widmete sich die Bus-Exkursion nach Bad Sassendorf und Welver.
In Bad Sassendorf wird sichtbar, wie sich der Kurort mit bestehenden und geplanten Wohnformen als attraktiver generationsübergreifender Wohnstandort weiterentwickelt. Entlang der Route zeigen ISEK-Maßnahmen, barrierearme Wege und qualitätsvolle Freiräume, wie Wohnen im Zentrum gestärkt werden kann. Der Rundgang verbindet dabei die Themen Wohnen, Ortsentwicklung, Aufenthaltsqualität und baukulturelles Erbe.
Die Gemeinde Welver zeigt, wie Wohnen als Teil einer multifunktionalen Ortszentrenentwicklung neu gedacht werden kann. Im Fokus stehen unterschiedliche Wohnformen in zentraler Lage sowie die Frage, wie Ortszentren trotz Leerständen und Nutzungskonflikten als Wohnstandorte gestärkt werden können. Dabei wird auch diskutiert, welche Standorte sich für Wohnen eignen und wo Einzelhandel als zentrenprägende Nutzung erhalten werden sollte.
Begleitet wurde die Exkursion vonseiten der Gemeinde Bad Sassendorf von Bernadette König, Leiterin der Abteilung Hoch- und Tiefbau, und Christine Niggemeier, Gemeindeentwicklung sowie vonseiten der Gemeinde Welver von Karin Hofma, Amtsleiterin Bauverwaltung und Bürgermeister Camillo Garzen.
Exkursion 4: Stadtspaziergang durch Soest Süd – Projekte aus sozialer Stadtentwicklung
Organisation: AG Soziale Stadt
Die Exkursion der AG Soziale Stadt führte in den Soester Süden, ein sozial vielfältiges Quartier mit besonderem Entwicklungsbedarf. Der Stadtteilspaziergang wurde durch Dennis Bröcking (Abteilungsleiter Soziales, Stadt Soest) begleitet und führt u.a. entlang folgender Stationen:
• Die Stadthalle Soest und das Kulturzentrum Alter Schlachthof als Zentrum für ganzjährige Veranstaltungen in unterschiedlichen Kontexten
• Der Fachhochschulcampus der FH Südwestfalen als fester Bestandteil des Bildungsstandortes Soest
• Die sogenannte „Englische Siedlung“ als Beispiel eines Stadtteils mit den zur Zeit größten interkulturellen sowie strukturellen Herausforderungen.
Die Exkursion endete zunächst im Stadtteilhaus Soester Süden. Dieses ist eine zentrale Anlaufstelle im Quartier, in der Begegnung, Beratung und gemeinschaftliche Aktivitäten gebündelt werden. Hier erhielten die Teilnehmenden eine Führung durch die Stadtteilhausmanagerin Sina Jakob, die die Teilnehmenden u.a. über Träger- und Angebotsstruktur sowie zentrale Kooperationspartner informiert.
Exkursion 5: Energetische Sanierung im Bestand
Organisation: AG Stadtumbau
Die Exkursion begann mit einem Impulsvortrag am Alten Schlachthof zu den Themen Städtische Strategie, Vorgehensweise und Praxis,
Sanierungsmanagement (Veranstaltungen und Beratungen), Erfahrungsbilanz: Erfolge und Herausforderungen.
Es folgte eine Führung und weitere Informationen im ausgewählten Sanierungsbereichn
Begleitet wurde die Exkursion von folgenden Referent:innen:
• Elena Janssen, Abteilung Stadtentwicklung und Bauordnung der Stadt Soest,
• Barbara Eickhoff und Ulrich Schulte-Weber, Sanierungsmanagement in der
Geschäftsstelle Klimaschutz der Stadt Soest
• Tobias Baldischwiler, Firma RENOWATE, Leiter Niederlassung West, ehemals
Bau-Projektmanager LEG-Immobilien-Gruppe
Keynote und Projektrunde "Mensch & Wohnen"
Prof. Dr. Torsten Bölting, Professor für Sozialwissenschaften, insb. Wohn- und Raumsoziologie, EBZ Business School, Geschäftsführer InWIS
Prof. Bölting hielt fest, dass Wohnen zur neuen sozialen Frage geworden ist. Wohnraummangel, demografischer Wandel, Klimafolgen und wachsende soziale Ungleichheit verdichten sich in den Kommunen, während deren finanzielle und personelle Spielräume zunehmend schwinden. Gerade freiwillige Leistungen, die Begegnung ermöglichen, Prävention stärken und Quartiere stabilisieren, fallen zunehmend weg - besonders dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Damit wird die fragmentierte Stadt zu einer ernsthaften Gefahr für den sozialen Zusammenhalt. Die Herausforderungen kommen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit; wir können jedoch gestalten, wie wir mit ihnen umgehen. Entscheidend sei deshalb, sich nicht in Debatten über vermeintlich innovative Einzellösungen zu verlieren, solange die Grundlagen des Zusammenlebens nicht gesichert sind.
Projektrunde „Mensch & Wohnen“
Teilnehmende:
- Almut Skriver, Geschäftsführerin „MitStadtZentrale Köln“
- Björn Haller, Wohnungsamtsleiter Unna, Projekt „Königsborn Süd-Ost“
- Prof.‘in Dr. Susanne Kost, TH Ostwestfalen-Lippe, Projekt „Urban Pulse Detmold“
- Prof. Dr. Torsten Bölting
In der anschließenden Gesprächsrunde wurde diese Perspektive vertieft. Es wurden drei Praxisbeispiele vorgestellt:
- Almut Skriver von der Mitstadtzentrale Köln erläuterte die Doppelstruktur aus zivilgesellschaftlicher Beratung und kommunaler Grundstückssteuerung für gemeinschaftliche Wohnprojekte. Sie hob hervor, dass junge Genossenschaften und Baugemeinschaften bezahlbare, sozial gemischte und gemeinschaftsorientierte Wohnformen ermöglichen, oft mit innovativen Konzepten wie Clusterwohnen, Flächenreduktion, solidarischem Kapital und quartiersbezogenen Angeboten. Besonders wichtig sei ihre Wirkung über das eigene Projekt hinaus ins Quartier.
- Susanne Kost stellte das Projekt Urban Pulse Detmold vor, das sich mit der Aktivierung von Leerstand in der historischen Innenstadt beschäftigt. Ziel ist es, Eigentümerinnen und Eigentümer für kooperative Lösungen zu gewinnen, Leerstand zu beseitigen und zugleich neue Nutzungen und bezahlbaren Wohnraum zu ermöglichen. Sie betonte, dass Leerstandserfassung, Sensibilisierung und die Einbindung des Quartiers entscheidend seien und dass Eigentümer auch Verantwortung für die Stadt als Ganzes tragen.
- Björn Haller von der Stadt Unna berichtete über die Quartiersarbeit in Königsborn Südost. Dort werden seit 2014 mit Fördermitteln aus verschiedenen Programmen bauliche und soziale Maßnahmen umgesetzt, darunter der Umbau eines Hochhauses zum Parkquartier mit Begegnungscafé, die Aktivierung eines Stadtteilzentrums sowie der Aufbau von Anlaufstellen, Präventionsketten und Beteiligungsstrukturen. Er machte deutlich, dass Quartiersarbeit dauerhaft Ressourcen braucht und nicht nur projektförmig funktionieren kann.
Vergabe des Baulandpreises 2025
2025 wurde die bereits fünfte Runde des Baulandpreises durchgeführt, auf der Tagung 2026 erfolgte nun die Preisverleihung durch den Vorstand der AG Baulandmanagement. Folgende Arbeiten wurden durch die Jury ausgezeichnet:
- Melissa Münster (Technische Universität Dortmund): Das Instrument des sektoralen Bebauungsplans zur Wohnraumversorgung für den bezahlbaren Wohnungsneubau im unbeplanten Innenbereich. Eine Analyse der Potenziale und Herausforderungen in der kommunalen Praxis [PDF-Download]
- Elio Pescatore (Technische Universität Wien): Regionale Neuausweisung von Betriebsgebieten - Voraussetzungen und Rahmenbedingungen am Beispiel Vorarlberg und St. Gallen [PDF-Download]
- Montana Schulze (Technische Hochschule Köln): Sozialgerechte Bestandsentwicklung - Transformation statt Verdrängung [PDF-Download der Zusammenfassung (die vollständige Arbeit kann bei der Fachberatung angefordert werden)]
Tag 2 - Vorträge, Projektbeispiele, Panels
Der zweite Tag beschäftigte sich intensiv mit den politischen, wirtschaftlichen und baulichen Voraussetzungen der Wohnungsfrage.
Dialog "Instrumente & Rahmenbedingungen"
In diesem Format tauschten sich Friederich Sahle, geschäftsführender Gesellschafter der Sahle Wohnen GmbH & Co. KG, und Prof. Dr-Ing. habil. Guido Spars, Lehrstuhl für Ökonomie des Planens und Bauens, Bergische Universität Wuppertal, darüber aus, unter welchen Bedingungen Wohnraum aktuell entwickelt wird und wie dabei trotz aller Herausforderungen gute Quartiere entstehen können. So verknüpfte das Format wissenschaftliche und unternehmerische Blickwinkel.
Friederich Sahle schilderte seine Erfahrungen über seine Erfolge mit umfangreichem gefördertem Wohnungsbau und innerstädtischen Konversionen. Er betonte, dass ohne parteiübergreifenden politischen Konsens und kommunale Entscheidungsbereitschaft Projekte blockiertwürden; Pragmatismus und klares Commitment dagegen beschleunigen komplexe Vorhaben. Die Instrumente sind vielfach vorhanden; das Problem ist oftdie politische Priorität und Umsetzungspraxis.
Prof. Spars präsentierte Daten zum Einbruch der Baufertigstellungen und erklärte die Krise als Zusammenspiel von konjunkturellen und strukturellen Faktoren (hohe Baukosten, lange Genehmigungszeiten, geringe Produktivitätsentwicklung im Bau). Er fordert einen breit angelegten Veränderungsprozess (u. a. Umbauordnung, Bodeninstrumente, Förderung serieller Bauweisen) – pragmatisch und zugleich systemisch.
Impuls und Gesprächsrunde mit Daniel Sieveke, Staatssekretär im MHKBD
Anschließend an den Dialog zwischen Prof. Spars und Friederich Sahle folgte ein Impuls sowie eine Gesprächsrunde mit Daniel Sieveke, Staatssekretär im MHKBD NRW. Er stellte die Landesposition dar: NRW setzt auf Umbaukultur, möchte Kommunen stärken und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Die Stärkung kommunaler Handlungsspielräume steht dabei im Fokus. Die Politik soll hier Ermöglicher sein, Verlässlichkeit erzeugen und administrative Kompetenzen stärken; Austausch- und Netzwerkformate wie das Tagungsgremium werden als wichtige Plattformen betont.
Es folgte eine Gesprächsrunde, zu der Robin Denstorff, Vorstandsvorsitzender des NWSE NRW und Petra Klein, Vorstandsmitglied AG Soziale Stadt sowie Daniel Zöhler, stv. Vorstand der AG Baulandmanagement dazustießen. In dieser wurde unterstrichen, dass insbesondere der - auch kontroverse - Austausch über die Ebenen hinweg gerade bei einem Querschnitts-Thema wie dem Wohnen unerlässlich ist.
Block "Transformation von und zu Wohnquartieren - Bestandsumbau"
Block „Transformation von und zu Wohnquartieren“ (Bestandsumbau)
- Univ.- Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher, Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen, Direktorin des Instituts für Städtebau und Europäische Urbanistik an der RWTH Aachen & UNESCO Chair „Cultural Heritage and Urbanism“ . Gründerin Reicher Haase Architekten.
- Mark Dieckmann, Stadtbaurat der Stadt Rheine
- Prof. Dipl.-Ing. Architekt Andreas Krys, Professor für Architektur und Projektentwicklung, EBZ Business School,
Assoziierter bei Maas & Partner Architekten
Im zweiten großen Themenblock stand die Transformation von Bestandsstrukturen im Mittelpunkt. Christa Reicher argumentierte, dass die Zukunft des Wohnens nicht in der Erfindung völlig neuer Typologien liegt, sondern im intelligenten Umgang mit dem Bestand. Sie stellte verschiedene Typologien und Potenziale vor: Innenstadtlagen, Büro-zu-Wohnen-Transformationen, Einfamilienhausbestände und Großwohnsiedlungen. Ihr zentrales Argument war, dass die Wohnungsfrage immer auch eine soziale Frage ist und dass die Lösung in der Multikodierung von Flächen, in Nutzungsmischung, in der Aktivierung von Leerstand und in der Reduktion von Standards liegen kann. Besonders wichtig sei, dass Investitionen nicht nur auf die Rendite einzelner Objekte, sondern auf die Quartiersrendite und den gesellschaftlichen Mehrwert ausgerichtet werden.
Mark Dieckmann beschrieb anschließend die Konversion ehemaliger Kasernen in Rheine als wichtigen Baustein der Flächenmobilisierung. Der Prozess umfasst den Ankauf, den aufwendigen Rückbau, die Erschließung sowie die Entwicklung gemischter Wohnquartiere mit Schwammstadtprinzip und Quartiersgaragen als Mobilitätshubs.Als zentrale Erfolgsfaktoren nannte er sorgfältige Voruntersuchungen, realistische Ankaufspreise, ausreichende Verwaltungskapazitäten, eine abschnittsweise Umsetzung sowie klimaresiliente Entwässerungskonzepte. Konversion sei lohnend, erfordere jedoch hohe kommunale Planungskompetenz und Risikobereitschaft.
Andreas Krys brachte eine bewusst zugespitzte ökonomische Perspektive ein. Er machte deutlich, dass viele Transformationsprojekte nur mit Fördermitteln und erheblichen planerischen Kompromissen wirtschaftlich darstellbar sind. Er verwies auf die enorme Komplexität des geförderten Wohnungsbaus, die Unterschiede zwischen den Bundesländern und die wirtschaftliche Unattraktivität vieler Bestandsumbauten ohne Förderung. Zugleich zeigte er anhand mehrerer Projekte, dass gerade leerstehende oder untergenutzte Gewerbeimmobilien, Kaufhäuser, Druckereien oder Bürogebäude große Potenziale für neue Wohnformen bieten. Seine Kernbotschaft war, dass Transformation nur funktioniert, wenn sie wirtschaftlich tragfähig ist und wenn Förderlandschaften so gestaltet werden, dass sie Investoren zur Auseinandersetzung mit dem Bestand motivieren.
Block "Zukunftsquartiere - Neubau"
Block "Zukunftsquartiere" (Neubau)
Impuls „Fünf Strategien für die Entwicklung von Wohnraum“ Prof. Dipl.-Ing. Martina Bauer, Institut für Industriebau, Entwerfen und Konstruieren (IEK), Universität Stuttgart
Projektrunde „Dimensionen des Bauens - für heute und morgen“
- Waldemar Korte, Geschäftsführer,
Korte Hoffmann Gebäudedruck - Sebastian Eickel, Geschäftsführer,
Arnsberger Wohnungsbaugenossenschaft - Prof. Martina Bauer
In diesem inhaltlichen Block ging es insbesondere um den Neubau von Wohnraum und Quartieren.
Prof. Martina Bauer stellte fünf Strategien für zukünftiges Bauen vor: intelligente Nachverdichtung, Nutzungsmischung statt Funktionstrennung, Transformation statt Neubau, industrielle Prozesse und Vorfertigung sowie neue Materialstrategien. Anhand von Projekten aus Berlin, Freiburg, Stuttgart und den USA zeigte sie, wie Wohnraum durch kreative Eingriffe in den Bestand, durch hybride Bauweisen, durch serielle Prozesse und durch den Einsatz neuer Materialien wie ungebranntem Lehmstein oder Holz effizienter, nachhaltiger und flexibler werden kann. Sie betonte, dass die Wohnungsfrage heute nicht nur eine Frage der Flächenverfügbarkeit, sondern vor allem eine Frage von Prozessen, Ressourcen und intelligenten Nutzungskonzepten ist.
In der anschließenden Projektrunde stelle Waldemar Korte den 3D-Gebäudedruck als einen weiteren Baustein für schnelleres und kosteneffizienteres Bauen vor. Sein Konzept „Dreihaus“ ist ein seriell produziertes, modular aufgebautes Mehrfamilienhaus, das in kurzer Zeit und mit geringeren Kosten hergestellt werden kann. Er betonte, dass der 3D-Druck vor allem dort Vorteile bietet, wo Personal knapp ist und Prozesse standardisiert werden können. Sebastian Eickel zeigte, wie eine Wohnungsbaugenossenschaft mit konventionellen Mitteln ein generationsgerechtes Quartier entwickelt. Am Beispiel der Wohnsiedlung Müggenberg in Arnsberg erläuterte er den Ersatz alter Bestände durch neue, barrierearme Wohnungen, ergänzt um soziale Einrichtungen, Mobilitätsangebote, Carsharing, Fahrrad- und ÖPNV-Konzepte. Beide Beiträge machten deutlich, dass Nachhaltigkeit auch Resilienz, Nutzungsflexibilität und soziale Infrastruktur umfasst.
Panels
Als aktivierende Arbeitsphase in kleineren Gruppe fanden zwischen den Impulsen und Projektbeispielen 3 Panels statt, die gemeinsam von den Arbeitsgemeinschaften organisiert worden waren. Sie beschäftigten sich intensiv mit Themen wie Prozessteuerung, Eigentümermobilisierung und Beteiligung.
Panel 1: Wohnen in der Innenstadt: Am Limit – oder voller Chancen?
Organisation: AG Innenstadt & AG Soziale Stadt
Innenstädte stehen unter einem hohen Veränderungsdruck. Lange Zeit als Wohnstandorte vernachlässigt, erfordert die Transformation der Zentren, aber auch der Druck auf dem Wohnungsmarkt nach bezahlbarem Wohnraum, eine neue Standortbestimmung für das Wohnen in der Innenstadt. Dabei haben Städte sehr unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen, die von hohen Flächenkonkurrenzen bis hin zu Leerständen reichen. Auch bei unterschiedlichen Marktvoraussetzungen entstehen vergleichbare Fragen, etwa wie die Innenstadt als Wohnstandort gestärkt werden kann und welche Anforderungen an neue Wohnangebote in der Innenstadt entstehen. Das Panel diskutierte Perspektiven für bezahlbares Wohnen, soziale und funktionale Mischung und eine zukunftsfähige Entwicklung der Innenstädte.
Das Panel wurde von folgenden Referent:innen mitgestaltet:
• Fabian Engel, Bereichsleiter Stadtplanung und Bauaufsicht, Stadt Monheim
• Philipp Schwede, Projektleiter der empirica ag
• Burkhard Huhn, Abteilungsleiter Stadtentwicklung, Amt für Stadtplanung und Wohnen der Stadt Bochum
Panel 2: Wohnpotenziale durch Nachnutzung heben – Schulgebäude als Wohngebäude
Organisation: AG Stadtumbau
In der Stadt Werl ist am östlichen Rand der Innenstadt die Umnutzung / Umbau des ehemaligen Schulgebäudes der Paul-Gerhardt-Schule zu einem Wohnhaus plus der Bau neuer Wohngebäude auf dem ehemaligen Schulgrundstück geplant. Einstädtebauliches Konzept ist erstellt, ein privater Investor steht für die Realisierung parat. In Dortmund wurde ein ehemaliges Schulgebäude in der westlichen Innenstadt zu einem Wohnhaus mit 18 unterschiedlichen Wohnungen umgebaut. Die Wohnungen sind in Nutzung. Beide Beispiele wurden im Hinblick auf die Herausforderungen, Hemmnisse, Chancen etc. einer Nachnutzung, die Bedingungen einer Investorensuche, Unterschiede in der Planung je nach Realisierung in großer oder kleiner Stadt sowie Fördermöglichkeiten diskutiert.
Das Panel wurde von folgenden Referent:innen mitgestaltet:
• Lars Ohlig, Dipl.-Geogr., Wallfahrtsstadt Werl, Fachbereichsleitung III –
Planen, Bauen und Umwelt
• Claudia Wiemer, Dipl.-Ing. Arch., Planungsteam Wiemer
• Sven Grüne, Architekt BDA, postwelters + partner mbB |
Architektur & Stadtplanung BDA/SRL
• Ronja Weber, Leitung Technische
Panel 3: Wohnqualitäten in dichten historischen Strukturen
Organisation: AG Baulandmanagement & AG Historische Stadt- und Ortskerne
Historisch gewachsene Stadt- und Ortskerne stehen vor der Aufgabe, sich als zukunftsfähige Wohnstandorte weiterzuentwickeln. Das Panel diskutierte, wie Wohnraum, Mobilität, Grün- und Freiflächen trotz knapper Flächen integriert werden können und welche Potenziale sowie Grenzen Nachverdichtung und Neubau in sensiblen historischen Strukturen haben. Im Fokus standen verträgliche Strategien, die bauliche Entwicklung, Lebensqualität und den Erhalt baukultureller Identität zusammenbringen.
Das Panel wurde von folgenden Referen:innen mitgestaltet:
• Olaf Steinbicker, Abteilungsleitung Stadtentwicklung und Bauordnung, Stadt Soest
• Dr. Jascha Braun, Wissenschaftlicher Referent, Abt. Bau- und Kunst-
denkmalpflege, LVR – Amt für Denkmalpflege im Rheinland
• Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz der Stadt Minden
Abschluss: Fördermöglichkeiten des Landes Nordrhein-Westfalen"
„Fördermöglichkeiten des Landes Nordrhein-Westfalen“
Klaus Austermann, Gruppenleiter Städtebauförderung, Kommunale Baulandentwicklung im MHKBD NRW.
Bianca Cristal, Abteilungsleiterin Wohnungsbau, Wohnungs- und Siedlungsentwicklung im MHKBD NRW.
Zum Abschluss informierten Bianca Cristall und Klaus Austermann über die Förderinstrumente des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie stellten die Wohnraumförderung und die Städtebauförderung als zentrale Hebel vor, um bezahlbaren Wohnraum, Quartiersentwicklung und Transformation zu unterstützen. Dabei umfassen beide Förderlinien vielfältige Maßnahmen. Die Wohnraumförderung umfasst zinsgünstige Darlehen, Tilgungsnachlässe, Miet- und Belegungsbindungen sowie spezielle Bausteine für Wohneigentum, Menschen mit Behinderung, Wohnen im Alter, Modernisierung und Quartiersförderung. Die Städtebauförderung unterstützt integrierte Handlungsstrategien, öffentliche Räume, Brachen, Baureifmachung, kommunalen Ankauf und Infrastruktur. Beide Förderlinien sind verlässlich und langfristig angelegt. Aktuelle Ziele der Förderung sind der Ausbau von Informations‑ und Beratungsangeboten (z. B. NRW Urban, Go Wohnen, Quartiersleitfäden) für kommunale Verwaltungen und Wohnungsunternehmen, die Bereitstellung konkreter Umsetzungshilfen (Checklisten, Beispielverträge, Muster‑ISEKs) zur Kombination von Städtebauförderung und Wohnraumförderung sowie der Aufbau eines niederschwelligen Kommunikationskanals zwischen Kommunen und Förderstellen (Fragestunden, Ansprechpersonen für komplexe Quartiersentwicklungen). So soll die Planungssicherheit in Kommunen und die Förderung der Antragsqualität steigen, damit Fördermittel effizienter genutzt werden.