Digitales Innenstadtgespräch
Protokoll – Innenstadt-Gespräch „Kultur braucht Raum – und Ressourcen!“
Wann? 03.06.2025, 17–19 Uhr
Wo? online (Zoom)
Kooperationspartner: Kulturpolitische Gesellschaft e.V.
Moderation: Lisa Vogt, Florian Sandscheiper
Am 03.06.2025 fand das digitale Innenstadtgespräch „Kultur braucht Raum – und Ressourcen!“ statt. Ziel der Veranstaltung war es, die Rolle von Kultur in der Innenstadtentwicklung zu beleuchten und gemeinsam mit rund 30 Teilnehmenden zu diskutieren, wie Kommunen Kultur strategisch fördern und verankern können – auch unter herausfordernden finanziellen Bedingungen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Lisa Vogt, (Fachberatung AG Innenstadt NRW) und Florian Sandscheiper (Fachberatung AG Innenstadt NRW). Lisa Vogt eröffnete die Veranstaltung mit einer kurzen Einleitung in das Thema, indem Sie die wachsende Bedeutung von Kultur in Innenstädten herausstellte. Sie betonte, dass Kultur gerade in Zeiten des strukturellen Wandels Impulse für demokratische Teilhabe, kreative Stadtentwicklung und soziale Begegnung setzen kann. Nach einer kurzen Vorstellung der Gäste wurde die Veranstaltung mit einem Impuls von Franz Kröger, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V., eröffnet.
Franz Kröger – Kulturpolitik und Stadtentwicklung: eine historische Perspektive
Kröger stellte die Kulturpolitische Gesellschaft e.V. vor und warf einen historischen Blick auf das Verhältnis von Kulturpolitik und Stadtentwicklung. Bereits in den 1960er-Jahren, so Kröger, sei in Deutschland die Diskussion um die „menschliche Stadt“ entbrannt – insbesondere als Reaktion auf die autogerechte Stadtplanung. Kultur wurde früh als Schlüssel zur Demokratisierung von Städten verstanden. Kröger betonte, dass die Kulturpolitik seit jeher eng mit Fragen der Raum- und Ressourcennutzung verknüpft ist. Leerstand, rückläufiger Einzelhandel und die Veränderung von öffentlichen Räumen seien heute Herausforderungen, bei denen Kultur eine aktivierende Rolle spielen könne – etwa durch Umnutzung, temporäre Bespielung und kreative Stadtgestaltung. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass Kulturpolitik als freiwillige kommunale Aufgabe oft mit instabilen Ressourcen ausgestattet sei. Eine verstärkte Integration von Kultur in die kommunale Entwicklungsplanung sei daher dringend erforderlich.
Diskussionsrunde - Statements
Nach dem Impulsvortrag von Herrn Kröger begann die Diskussionsrunde. Heike Herold, Geschäftsführerin der LAG Soziokultureller Zentren NRW e.V. und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Kulturrats NRW, und Ina Stock, Beauftragte für Kunst und Kultur bei ver.di, leiteten die Diskussion mit vorbereiteten Statements zur aktuellen Rolle von Kultur in der Innenstadtentwicklung ein:
Herold betonte die besondere Rolle und das Potenzial der freien Kulturszene und plädierte deshalb für eine strategische Neuausrichtung der Förderpolitik sowie für eine stärkere Interdisziplinarität in Kulturentwicklungs- und Kulturplanungsprozessen. Herold berichtete dabei u. a. vom Projekt „B-Side“ in Münster – einem gelungenen Beispiel für nicht-kommerzielle Kulturarbeit im Zusammenspiel mit Stadtentwicklung. Gleichzeitig warnte sie davor, Kultur auf Funktionalität zu reduzieren: Kultur dürfe nicht „verzweckt“ werden, sondern müsse Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzung bieten.
Ina Stock sprach aus der Perspektive der Künstler*innen. Sie kritisierte die weitverbreitete Selbstausbeutung in der freien Szene und forderte eine stärkere politische Anerkennung von Kulturarbeit als regulärer Erwerbsarbeit. Stock betonte, dass viele kulturelle Angebote ohne Aufforderung und ohne Bezahlung entstehen. Dies könne auf Dauer nicht die Basis für eine zukunftsfähige Kulturentwicklung sein.
Diskussion mit Veranstaltungsteilnehmern:
In der offenen Diskussionsrunde wurden vielfältige Beispiele aus der kommunalen Praxis eingebracht. Thematisiert wurden u. a.:
- Der Umgang mit Lärmbeschwerden bei Kulturveranstaltungen im öffentlichen Raum: Kommunikation und Kompromissbereitschaft wurden als zentrale Lösungsansätze diskutiert.
- Bürokratische Herausforderungen bei der Bespielung von Leerständen durch Kulturschaffende
- Finanzierungsmodelle jenseits des Kulturetats (z. B. Städtebauförderung, Sponsoring) und Unterstützungen ohne finanzielle Mittel (z. B. beim Lärmschutz oder Ordnung)
- Die Rolle von Verwaltung und Stadtplanung: Es wurde betont, dass kreative Verwaltungsansätze ebenso wichtig sind wie ein aktives Zugehen auf Kulturschaffende, wenn Räume verfügbar sind.
Beispiele kamen u. a. aus Bochum, Frechen, Krefeld und Dorsten. So wurde zum Beispiel aus Frechen von bürokratischen Herausforderungen bei der Zwischennutzung eines leerstehenden Ladenlokals berichtet. In diesem Zusammenhang wurde darauf hingewiesen, dass sich solche Probleme durch die Orientierung an Best-Practice-Beispielen lösen lassen. In Krefeld werden Mittel der Städtebauförderung zur Finanzierung von Kooperationen mit der freien Kulturszene genutzt, mit denen Stadtentwicklungsthemen im öffentlichen Raum künstlerisch aufgearbeitet werden. Mit dem Projekt „Wir machen Mitte“ zeigte Dorsten, wie Ehrenamt, Stadtentwicklung und Kultur verknüpft werden können, um ehemalige Lost Places und öffentliche Räume aufzuwerten. In Bochum zeigt das Projekt „Tapetenwechsel in Bochum“, wie Leerstände durch kreative Kulturprojekte bespielt und umgenutzt werden können.
Anschließend wurde ausgiebig diskutiert, welche strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Kultur dauerhaft Räume und Ressourcen erhält. Genannt wurden u. a.:
- Runde Tische zur kontinuierlichen Vernetzung mit der freien Szene
- Gemeinsame Kulturentwicklungsstrategien, auch über Ressortgrenzen hinweg
- Nutzung bestehender Netzwerke wie „Netzwerk Zwischennutzung“
- Kommunale Knotenpunkte als Schnittstellen für Kulturschaffende
- Nutzung von Commoning-Ansätzen zur Aktivierung bürgerschaftlichen Engagements
Einigkeit bestand darin, dass Kultur als Querschnittsthema und als Kooperationsprojekt zwischen verschiedenen Akteur:innen verstanden werden muss - nicht nur als freiwillige Aufgabe, sondern als Bestandteil einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Verwaltungen müssten dies aktiv gestalten und auch wohlwollend auf die Kunst- und Kulturschaffende zugehen.
Fazit und Ausblick
Zum Abschluss fasste Lisa Vogt die wesentlichen Erkenntnisse zusammen. Die Veranstaltung zeigte, dass es bereits zahlreiche gute Ansätze gibt, strukturelle Herausforderungen jedoch weiter bestehen. Kultur müsse als Art Daseinsvorsorge und demokratiefördernden Bereich stärker in die Stadtentwicklung integriert werden. Kooperationen sind dabei wichtiger Bestandteil und können Synergieeffekte mit sich tragen.
Datum
03.06.2025
17–19 Uhr
Ort
Digital per Zoom